Ewald Nörr

Ewald Nörr wurde im Jahre 1905 in Berlin geboren. Nachdem er mit 14 Jahren aus der Kirche ausgetreten war, hielt er bereits in der nach dem gerade beendeten Ersten Weltkrieg von vielen inneren und äußeren Unruhen erfüllten Heimatstadt atheistische Vorträge. Aber auch während seiner atheistischen Periode hat ihn die Erinnerung an die unzähligen Wunder, die er in seinem Elternhaus erlebt hatte, nie völlig verlassen. Durch die Freideutsche Jugendbewegung mit ihrer Begeisterung und Romantik wurde er übrigens entscheidend mitgeprägt. Walter Laqueur schrieb einmal, daß die deutsche Jugendbewegung ein gewaltiger spiritueller Aufbruch der Jugend war.

Nach dem Heimgang seines Vaters erfuhr Ewald Nörr im 20. Lebensjahr eine völlige geistige Umwandlung, die sich über einen Zeitraum von drei Tagen und drei Nächten erstreckte. Fortan verlief sein Lebensweg in völlig anderen Bahnen. Von nun an widmete er sich unablässig dem Studium der biblischen Schriften und lernte, sie in ihren Grundtexten zu lesen. Er erforschte in den großen Bibliotheken Berlins im Selbststudium die Kirchengeschichte, die Schriften der Patristiker, studierte die Archäologie des Altertums, Geschichte, Staatswissenschaften, Philosophie und vieles andere. Er durchforstete die kabbalistischen Schriften, den Talmud und die rabbinischen Kommentare und erwarb sich dank seiner Intelligenz , seiner Auffassungsgabe und seines Gedächtnisses ein vielseitig fundiertes Wissen, das ihm bei seinen Vorträgen, Ansprachen und in vielen Gesprächen mit anderen Menschen zugute kam.

Nach dem Zusammenbruch des Nazireiches fing er in dem zerstörten Berlin sofort an, seine besondere Botschaft zu verkündigen. Er war inzwischen durch das Studium der biblischen Schriften und aufgrund vieler persönlicher Erfahrungen mit der jenseitigen Welt zu einem überzeugten Spiritualisten geworden. Ewald Nörr hat diese Überzeugung dann auch seinen früheren kirchlichen und freikirchlichen Freunden gegenüber verfochten, mußte aber erleben, daß sich diese wegen seines spiritualistischen Zeugnisses von ihm abwandten. Doch hat er den von ihm eingeschlagenen und konsequent durchgeführten Weg niemals bereut. Er fand viele neue Freunde in den Kreisen der Spiritualisten, Esoteriker und Mystiker. Unablässig widmete er sich der Verkündigung seiner Erkenntnisse in Wort und Schrift. Seinen unerschöpflichen Berliner Humor und seine Zuversicht, mit der er viele Menschen in Deutschland, der Schweiz und Österreich begeistern konnte, aber hat er bis zu seinem Heimgang am 15. Dezember 1972 beibehalten.

Der mit ihm befreundete Schriftsteller K.O.Schmidt schrieb in einem Nachruf in der Zeitschrift „Esotera“ im Februar 1973:
In zahllosen Vorträgen in Deutschland und der Schweiz und auf Tagungen mit Schriftleiter Hans Geisler wurde das innere Wort durch ihn laut, und seine Hörer spürten, wie durch ihn der göttliche Geist, das ewige Selbst, sprach. Er schöpfte seine inspirierten und inspirierenden Ansprachen unmittelbar aus dem Meer der göttlichen Weisheit, mit dem wir alle, wenn auch in unterschiedlichen Bewußtseinsgraden, verbunden sind. Wenn man ihn hörte, spürte man, wie aus dem Quellbrunnen eines erleuchteten Herzens der Strom schöpferischer Erkenntnis sprudelte, wie wir es von den großen christlichen Mystikern, den Sufimeistern, den Chassidisten, Vedantisten und Taoisten kennen, die sich mit dem Geist des Ganzen eins wußten. Ewald Nörr wurde nicht müde, seinen Hörern bewusstzumachen, wie innig jeder von ihnen mit dem Geist des Ganzen verbunden sei und unmittelbar zu ihm heimfinden könne, wenn er den Weg nach innen geht: den Weg des entflammten Herzens. Er demonstrierte die Wahrheit der Verheissung: 'Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden das Ewige, Göttliche schauen.' Reinen Herzens spendete Ewald Nörr bis zuletzt das Wasser des Lebens aus dem Ozean universaler Weisheitsfülle und wies seinen Hörern Wege zu eigener Erleuchtung und Vollendung, auf die hin, wie er sagte, jeder in seinem inneren Wachstum angelegt sei: auf die Erkenntnis seines göttlichen Selbst und auf das Erwachen zum Reiche Gottes in ihm."

Eines der größten Verdienste Ewald Nörrs bestand darin, daß er nie einfach überkommene Denkvorstellungen und Dogmen anerkannte und akzeptierte, sondern stets die Frage stellte, ob es sich auch so verhält. Er stellte kritische und akribische Untersuchungen an, prüfte immer wieder nach allen Seiten und ließ sich dabei vom Geist Gottes, dem heiligen Pneuma, leiten und führen. Auf diese Weise kam er oftmals zu ganz neuen Erkenntnissen, die von der weitgehend nach mittelalterlichen Denkvorstellungen ausgerichteten Theologie abwichen. Er selbst aber wußte, daß es sich bei all dem, was er erkennen durfte, letztlich nur um die Wiederentdeckung von Ideen handelte, die auf dem pneumatischen Urwissen der Menschen basieren.